Social Media dunkle SeiteVon den Propheten des digitalen Zeitalters werden Social Media als die umwälzendste gesellschaftliche Veränderung aller Zeiten gepriesen: Endlich hat jeder Mensch die Möglichkeit, sich sichtbar und hörbar zu machen, sein Leben weltweit mit allen möglichen Menschen zu teilen und Kontakte zu knüpfen mit Leuten, die man sonst nie kennengelernt hätte.
Auch die neue Macht des Kunden wird oft gepriesen: Wenn sich viele Kunden öffentlich über ein Produkt auf facebook, Twitter & Co beschweren oder gar einen sogenannten „Shitstorm“ auslösen, dann übt dies Druck auf die jeweilige Firma aus, etwas zu ändern.
Derselbe Effekt wird für politische Veränderungen reklamiert: Die Revolutionen des „arabischen Frühlings“ z.B. werden oft mit der  Macht von Social Media in Verbindung gebracht. Und last but not least: Internet und Social Media gelten vielen Selbständigen, Freelancern und Unternehmern als Beginn einer goldenen Ära, in denen die Chancen, erfolgreich zu sein, demokratisiert und die Möglichkeiten, Geld zu verdienen exponentiell gestiegen sind.

An all dem ist sicherlich viel Wahres dran und darüber ist viel Kluges und Begeistertes geschrieben worden – der Medienphilosoph Vilem Flusser ging mit seinem (utopischen?) Entwurf einer „telematischen Gesellschaft“ sogar so weit, dass er von der digitalen Vernetzung eine Auflösung alter Machtstrukturen und Autoritäten durch die Erzeugung ständig neuer Informationen und offener Dialoge erwartete.

In diesem Beitrag sollen die positiven Effekte von Internet und Social Media auch nicht bestritten werden, sondern ich möchte ergänzend einige der dunklen Seiten dieser „neuen Medien“ skizzieren auf ein paar der negativen Effekte hinweisen, die sie auf dein Denken haben können – und deine Lebensqualität, Produktivität und deine Fähigkeit(en), in deinem Leben das zu tun, was Du wirklich willst.

Angeregt zu diesem Artikel hat mich u.a. eine 3otägige facebook-Sperre, in der ein übereifriger Denunziant meine Beiträge dort mit Rassismus verwechselte und meldete – und einem überfordertern facebook-Mitarbeiter die geistigen Mittel fehlten, einen differenzierten Beitrag zu verstehen (beides im Übrigen m.E. auch mögliche Auswirkungen von zu viel Social Media und Internet).
Die Sperre koinzidierte dann glücklicherweise mit dem Erscheinen von Cal Newports neuem Buch „Deep Work“ und meiner erneuten Lektüre von Byung-Chul Hans Buch „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“, beides wichtige Quellen meiner nachfolgenden Gedanken.

Die schleichende Zerstörung der Aufmerksamkeit durch das Internet

Beginnen möchte ich aber mit einem polemischen Zitat von David Bowie:
„Die Leute sind so schrecklich dumm. Niemand liest mehr, niemand geht durch die Welt und sieht und erforscht die Gesellschaft und Kultur in der sie aufgewachsen sind. Die Leute haben eine Aufmerksamkeitsspanne von fünf Sekunden und so viel Tiefe wie ein Glas Wasser.“

Das stellt eine provokativ-prägnante Zusammenfassung der dunklen Seite von Social Media dar – welcher die Verfechter der schönen neuen Internet-Welt reflexartig widersprechen werden: Schließlich würden die Leute doch mehr lesen – sie teilen schließlich mehr Zeitungsartikel auf Social Media und aktive, neuartige Newsseiten und -aggregatoren wie Huffington Post und Reddit erfreuen sich großer Beliebtheit.
Definieren wir Lesen aber im engeren Sinne, nämlich als z.B. ganze Bücher lesen, stellt sich die intellektuelle Gesamtlandschaft anders dar. Der bekannte Autor Tony Schwartz gibt in seinem New York Times Artikel „Addicted to distraction“ (Süchtig nach Ablenkung) zu, dass es ihm in den letzten Jahren zunehmend schwerer fiel, sich auf das Lesen von Büchern zu konzentrieren und sich bei ihm, dem einst fleißigen Leser, immer mehr ungelesene Bücher stapelten. Er führt dies zurück auf eine Gewohnheit, die sich mit dem Aufkommen von Social Media und Internet immer mehr in sein Leben eingeschlichen hat: Das ständige Checken von emails und Social Media Streams, die Jagd nach immer neueren News, der unablässige „Dialog“ auf Twitter & Co., der immer häufigere Impuls, jeden noch so unwesentlichen Aspekt seines Lebens auf Social Media teilen zu müssen und das Instant-Feedback von Likes und Kommentaren (oder den Mangel an Likes und Kommentaren) zu beobachten.

Cal Newport beschreibt diese neue Sucht als einen der Hauptverhinderer exzellenter Arbeit von hoher Qualität.
Der Grund dafür ist u.a. ein Phänomen, das die Forscherin Sophie Leroy „Attention Residue“ („Aufmerksamkeits-Überreste“) nennt: Wer ständig zwischendurch eMails checkt, Social Media durchscrollt und irgendwelche Artikel überfliegt, bei wirken die Überreste dieser Aktivitäten nach und beeinträchtigen die Qualität seiner Aufmerksamkeit und Konzentration.
Wer sich über Jahre hinweg in immer kürzeren Abständen mit immer mehr zusammenhanglosen Kurzinfos füttert – Statusmeldungen hier, News zu ganz diversen Themen dort, ein paar eMails anderswo – bei dem tritt zudem früher oder später das ein, was der britische Psychologe mit dem Kürzel IFS (Information Fatigue Syndrome – Informationsmüdigkeitssyndrom) zusammenfasst.

Byung-Chul Han charakterisiert die Konsequenzen von IFS in bezug auf die Fähigkeit, zu denken, wie folgt: „Ein Hauptsymptom von IFS ist die Lähmung der analytischen Fähigkeiten. Gerade das analytische Vermögen macht das Denken aus. Das Übermaß an Information lässt das Denken verkümmern. Das analytische Vermögen besteht darin, vom Wahrnehmungsmaterial alles wegzulassen, was nicht wesentlich zur Sache gehört. Es ist letzten Endes die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Die Informationsflut, der wir heute ausgeliefert sind, beeinträchtigt offenbar die Fähigkeit, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Zum Denken gehört aber notwendig die Negativität der Unterscheidung und Selektion. So ist das Denken immer exklusiv.“

Das Wesen von Social Media

Indikatoren dafür, wie nah diese Diagnosen an der Wirklichkeit sind, sind auch das „Troll“-Phänomen und die „Shitstorms“. Trolle sind die Produzenten massenhafter Absonderung von nichtssagendem Meinungsmüll, oft in Form beleidigender Ablehnung (oder auch inhaltsleerer euphorischer Zustimmung). Meinungsmüll zeichnet sich durch die Abwesenheit von Argumenten und die Unfähigkeit (und vor allem auch Unwilligkeit) zu argumentierender Diskussion aus.
„Shitstorms“ sind – im Gegensatz zum zivilisierten Protest als politischer Aktion – eben genau das, was das englische Wort besagt: Ein Sturm von Scheiße, in dem sich eine viral infizierte Masse motiviert fühlt, mit so viel Scheiße um sich zu werfen wie möglich. Auch „Shitstorms“ wollen keine Diskussion, ja sie wollen noch nicht einmal gegen etwas protestieren – sie sind nur das massenhafte Abreagieren der eigenen Scheiße.

Denn Social Media sind im Wesentlichen gerade nicht sozial, sondern asozial. Nicht gemeinschaftbildend, sondern isolierend. Nicht verbindend, sondern narzißmusfördernd.
Jeder sitzt allein vor einem Bildschirm, konsumiert zerstreute Informationen und produziert „eigene“ Meinungen.

Wer meint, reine Social Media Freundschaften hätten etwas „Echtes“ oder „Tiefes“ an sich, dem rate ich zu Cal Newports Experiment: Verabschiede dich ohne Ankündigung (!) 30 Tage lang von einer Social Media Plattform und beobachte, was passiert. Der weitaus größte Teil deiner „Freunde“ wird nicht einmal bemerken, dass Du nicht mehr aktiv bist. Nur eine verschwindend geringe Zahl werden nachforschen oder nachfragen, warum Du nicht mehr dabei bist. Denn die vielen Tausend Likes und Kommentare sind nur eine schnell verpuffende Oberfläche, aber weder ein echtes Mögen noch eine tiefere Auseinandersetzung. Für die meisten deiner Freunde bist Du, auch wenn das hart klingt, nichts weiter als eine Ablenkung unter vielen.
Die vielen Likes und comments aber erzeugen eine Illusion von Wichtigkeit, verstärken ein illusionäres narzisstisches Selbstbild – und die leicht verfügbare Droge der Selbstbestätigung durch „Gefällt mirs“ macht einen guten Teil des Suchtfaktors von Social Media aus. Durch Social Media kann man sich wichtiger und mächtiger vorkommen, als man es wirklich ist – während man die eigene Fähigkeit, wirklich wichtige und potentiell wirkungsmächtige, das heißt tiefe, schwere und differenzierte Arbeit zu tun, langsam aber sicher zerstört.

Die Verführung des Leichten und Oberflächlichen

Denn nebst der Erosion der Aufmerksamkeit qua ständiger Ablenkung geschieht durch Social Media und Internet noch etwas anderes: Die blitzschnelle und allgegenwärtige Verfügbarkeit von und Verführbarkeit durch das Leichte und Oberflächliche.
Es ist leichter, ein wohlklingendes Sätzchen auf facebook zu schreiben als einen längeren, gut strukturierten und reflektiert argumentierten Artikel zu verfassen. Es ist leichter, nette Bildchen auf Pinterest zu posten, als in stunden- oder tagelanger Bemühung echte Botschaften herauszuarbeiten. Es ist leichter, Blödsinn in 6 Sekunden Vine-Videos zu machen oder der Welt in 10-Sekunden-Clips via Snapchat die Meinung zu geigen, als ein Video aufzunehmen, welches durch die Qualität seiner Argumente und seine gedankliche Stringenz überzeugt. Es ist leichter, Links zu Artikeln zu posten, deren Überschriften man zustimmt und die man meist nur vage überflogen hat, als selbst einen Artikel zu verfassen, welche die eigene Meinung kohärent argumentativ zum Ausdruck bringt.
Es ist leichter, an seinem Smartphone zu kleben, als dem realen Gegenüber von Angesicht zu Angesicht zuzuhören und über längere Strecken die eigene Aufmerksamkeit zu schenken.
Es ist leichter, „Gefällt mir“ zu klicken oder einen schnellen Kommentar hinzurotzen, als einige durchdachte Sätze zu formulieren, die zum Ausdruck bringen, warum man einem Beitrag zustimmt oder nicht. Es ist leichter, reflexartig auf eine eMail oder Chatnachrichten zu antworten, als eine Nachricht zu verfassen, die sich überlegt auf die Inhalte bezieht.

All das ist leichter. Und je mehr und je öfter man der Verführung durch das Leichte und Oberflächliche nachgibt, desto mehr schwindet die Fähigkeit zum Schweren, Tiefen und Bedeutsamen. (So wie Muskeln verkümmern, wenn man nur im Bett liegt.)
Wer aber genau hinsieht erkennt, dass das, was in unserem Leben einen wirklich qualitativen Unterschied macht, nicht leicht und oberflächlich ist. Dass die Errungenschaften, welche die Welt verändern und Spuren hinterlassen, durch tiefe Arbeit und hohe Aufmerksamkeitsqualität entstanden sind.
Egal, ob Du deine beruflichen Erfolg steigern oder dein Privatleben tiefgreifend verändern willst – das Leichte und Oberflächliche wird immer nur Ablenkung sein, das durch Konzentration und Fokus Errungene dagegen erschafft jene bleibende Qualität, die einen echten Unterschied macht.

Wirkliche Lebensqualität hat immer Tiefe.

Was tun?

Welchen Schluss solltest Du nun daraus ziehen? Was kannst Du tun, um der Social Media / Internet / News – Sucht zu entkommen? Sie ganz aufgeben? Nein.
Cal Newport schlägt vor, dass Du nur zu vorher klar bestimmten Zeiten online gehst, dir terminlich festgelegte Zeitfenster gibst. Wie oft oder wie lange diese sind, ist dabei weniger entscheidend und wird individuell unterschiedlich sein. Ob Du dir alle halbe Stunde 1o Minuten erlaubst oder morgens und abends eine Stunde ist zweitrangig – wichtig ist, dass Du dich an diese Zeitfenster hältst und den Rest deiner Zeit offline mit konzentrierten, tiefen Beschäftigungen verbringst. Dass Du also nicht Sklave der Online-Welt bist, sondern wieder die Kontrolle über dein Leben zurückgewinnst.

Hier sind ein paar der Dinge, die ich getan habe, um aus diesen Einsichten Taten werden zu lassen, und meine Resultate  – vielleicht hilft dies auch dir:

1.) Ich habe mich von allen Newslettern abgemeldet, die ich seit 3 Monaten nicht gelesen habe. Meine Inbox ist nun angenehm ruhiger als je zuvor und das Überfliegen der Betreffzeilen und Löschen des Irrelevanten kostet viel weniger Zeit.

2.) Ich rufe eMails und Messenger-Nachrichten nur noch zweimal am Tag ab und beantworte sie fast nie sofort. Dadurch werden meine Antworten persönlicher und durchdachter. Und beschwert hat sich darüber niemand.

3.) Ich definiere drei Zeitfenster für Social Media und News pro Tag, die in der Länge basierend auf dem variieren, was ich an dem jeweiligen Tag an „tiefer Arbeit“ vorhabe.
Ich habe meine Social Media Aktivität also drastisch reduziert – das Ergebnis: Mehr fokussiertes Lesen von Bücherm, mehr geschriebene BlogBeiträge, mehr Arbeit an OnlineProdukten und mehr Umsatz.
Die allgegenwärtige Befürchtung, dass weniger Präsenz in Social Media geschäftsschädigend sein könnte, ist also in keinster Weise eingetroffen – im Gegenteil!

4.)  Ich organisiere meine Zeit in klar geplanten Fokus-Phasen, so dass ich am Anfang des Tages genau weiß, was ich wann wie lange tun werde. Meine Tagesplanung versucht so viel fokussierte Single-Tasking-Phasen im Tag unterzubringen wie möglich.
Im Ergebnis bin ich dadurch abends nicht nur deutlich zufriedener, sondern tagsüber bedeutend ruhiger und freudvoller. Das gehetzte Grundgefühl der Jagd nach dem immer Neuen hat sich nach nur wenigen Wochen gelegt und ist einer tieferen Entschiedenheit gewichen.

Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass meine Umgewöhnung von weniger Ablenkung hin zu mehr Tiefe einen deutlichen positiven Unterschied in meiner Produktivität und Lebensqualität macht.

Probiere es selbst aus!

Alles Liebe,

           Niels Koschoreck

Sei Du Selbst. Nur besser.

  • Share on Tumblr
  •  
Tagged on:                 

4 thoughts on “Die dunkle Seite von Social Media und Internet

  • Februar 5, 2016 at 8:47 pm
    Permalink

    Toller Artikel. Ergänzend dazu vielleicht, dass der Zustand der aufmerksamen Informationsaufnahme „vertieftes Lesen“ heißt und tatsächlich mit Gedrucktem besser funktioniert als mit Bildschirm-Häppchen. Gute Quelle dazu: Nicholas Carr, „Wer bin ich, wenn ich online bin?“ von 2009.

    Reply
  • Februar 5, 2016 at 11:16 pm
    Permalink

    Ich bin angenehm angetan von der vereinfachten Tiefsinnigkeit dieses Beitrages. Je mehr ich von Niels erfahre umso interessanter wird er. Hut ab.

    Reply
  • Februar 6, 2016 at 4:31 pm
    Permalink

    Dieses bewusstmachen, dieser Scheinwelt, in der wir sehr schnell selber zum Schein werden, dieses bewusstmachen ist nötig, damit wir uns nicht verirren und letztendlich verlieren.

    Reply
  • Februar 7, 2016 at 9:58 pm
    Permalink

    Wieder ein sehr gelungener Artikel Niels.
    Deine Ergebnisse und Erfahrungen stimmen exakt mit denen meiner Selbstversuche ueberein.

    Ich war sehr gefangen in der virtuellen Welt und hatte mich selbst dort beinahe verloren.
    Seit ca 3 Jahren arbeite ich jetzt daran meinen Weg in der „realen“ Welt wiederzufinden.

    Ein Aspekt den ich noch anfuegen moechte, ist der, das leider viele Menschen beim surfen im Internet vergessen, das eventuell am anderen Ende des Computers ein Mensch mit Emotionen und Gefuehlen sitzt, der sich eventuell das gelesene sehr zu Herzen nimmt und daran krankt, wenn er bemerkt, das das Gegenueber nur einen schnellen Zeitvertreib wollte.

    Dankbar bin ich, das ich Dich im Internet getroffen habe Niels und das Du mich seit Jahren durch mein Leben begleitest.

    Danke fuer diesen tollen Artikel und alles Liebe wuenscht Dir Karin 🙂

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.