Vom Paniker zum Stoiker

AngstAngst ist eine Plage, die in vieler Menschen Leben die Grenzen der Entwicklung setzt, so heißt es. Ich sollte mich da auskennen, ich bin in gewisser Weise Experte in extremen Ängsten aus eigener Erfahrung, denn ich war viele Jahre lang von heftigsten Panikattacken, ständigen diffusen Angstgefühlen, diversen Phobien und heftigster Hypochondrie geplagt.

Heute habe ich keinerlei Panikattacken mehr und auch meine neurotischen Phobien habe ich beseitigen können. Oft bin ich auch frei von Ängsten aller Art – was nicht heißt, dass ich keine Angst mehr verspüre, sondern bedeutet, dass ich mich von Lebensängsten aller Art nicht mehr am Handeln hindern lasse und das Ängste viel seltener meine EntscheidungsFähigkeit vernebeln als früher.

Der Weg dieser Entwicklung war lang und steinig: Es brauchte verschieden Psychotherapeuten und diverse psychotherapeutische Ansätze, Veränderung meiner Ernährungs- und Bewegungs-Gewohnheiten, die Trennung von Menschen und Arbeitsweisen, die mir nicht entsprachen und mein Potential blockierten, Jahre der Übung von Meditation, Experimente mit spirituellen Methoden aller Art, ein umfangreiches Lektüre-Pensum, Veränderungen in meiner physischen Umgebung und meiner Tages-Gestaltung, zahlreiche Seminare und Workshops, sowie das Erlernen einer anderen Art des Denkens und Fühlens insgesamt.

Was ich in Bezug auf den konstruktiven Umgang mit Ängsten und Sorgen vor allem gelernt habe, ist:

1.) Unsere Gefühle und Gedanken sind extrem flüchtiger Natur, aber wir verwandeln sie gewohnheitsmäßig in etwas Starres und Festes: Wir reagieren habituell auf unsere Gedankeninhalte als seien sie real und nicht nur Gedanken. Wir reagieren auf die Präsenz eines Gefühls oft zutiefst automatisch, ziehen die üblichen Schlüsse daraus und folgen unseren emotionalen Impulsen wie Schlafwandler in unser jeweils typisches Handeln (oder Nicht-Handeln).
Wenn wir dagegen lernen, immer weniger automatisch auf unsere Gedanken oder Gefühle zu reagieren, werden wir freier und bemerken, dass sorgenvolle Gedanken und ängstliche Gefühle nicht notwendig in ein angst- und sorgenvolles Handeln münden müssen.

2.) Wir sind soziale Wesen, Mit-Menschen in der Tiefe unseres Seins.
Ich glaube nicht, dass ich meine vielen Ängste hätte überwinden können ohne den Austausch mit anderen Menschen und die Auseinandersetzungen mit vielen verschiedenen Perspektiven auf das Phänomen Angst. Aus den zahlreichen Gesprächen mit Psychotherapeuten, Coaches, Trainern, Gurus und Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und nicht zuletzt auch die verständnisvolle, mitdenkende und mitfühlende, Unterstützung meiner Frau haben die vielen Puzzle-Teile zusammengefunden, die es brauchte, damit ich mich über meine Ängste hinaus entwickeln konnte.

3.) Alles ist Gewohnheit, alles ist Übung.
Eine der wichtigsten Einsichten meines Lebens, nicht nur in Bezug auf Angst, besteht darin, das wir mit jeder Wiederholung bestimmter Gedanken, Gefühle und Handlungen diese unweigerlich üben, d.h. die Gewohnheit stärken, diese Gedanken, Gefühle und Handlungen zu wiederholen. Je öfter man Angst hat und dem Automatismus seiner Ängste folgt, desto größer und stärker wird die Angst. Wenn wir dagegen beginnen, eine andere Umgangsweise mit unseren Ängsten zu üben, so stärken wir diese alternative Gewohnheit.
Und darin steckt auch die Einsicht, dass es keinen magischen Knopf gibt, der Veränderung auf wundersame Weise herbeizaubert, sondern dass es auf deine eigenen aktiven Übungen ankommt – der Veränderungsprozess kann länger dauern oder sich auch viel schneller ereignen als erwartet, und neue Perspektiven oder Techniken können dir helfen, bessere oder wirksamere Übungen zu üben … nur das eigenste Üben ersparen wird dir nichts und niemand!

4.) Wir sind nicht nur Geist-, sondern auch Körper- und Welt-Wesen.
Wir können uns weder ganz dem Einfluss unserer Umwelt entziehen, noch können wir die Auswirkungen unseres Körpers auf unseren Geist abstellen. Wir neigen dazu – gerade wenn wir mit vielen Selbsthilfe-Modellen & spirituellen Weltanschauungen in Berührung gekommen sind – unseren Geist für wichtiger und stärker zu halten als unsere Umgebung und unseren Körper. Das mag bis zu einem gewissen Grade auch die richtige Richtung sein, führt aber zu oft zu einem Ausblenden der Wirkungen von Körper und Umgebung.
Bei mir Selbst und zahlreichen Coaching-Klienten habe ich aber immer wieder beobachten können, wie eine Umstellung der Ernährung, eine Reorganisation der Umgebung (Wohnort, Wohnungs“design“, Mobiliar, Lichtverhältnisse, Farbgestaltung …) , und neue Bewegungsgewohnheiten (nicht notwendig „Sport“ oder gar Leistungssport) zu dramatischen Veränderungen der Gedanken-und Gefühlswelt geführt haben.
Wir leben nun einmal mit unserem Körper und in einer Welt – und es lohnt sich, dies bei unserer EntwicklungsGestaltung zu berücksichtigen.

Die Übung in den 4 genannten Einsichten (und einigen mehr) haben mich im letzten Jahrzehnt „vom Paniker zum Storiker“ verwandelt. Was mich vor 10 Jahren noch extrem geängstigt oder mit Sorge erfüllt hätte, lässt mich heutzutage oft vollkommen ruhig bleiben. Was mir vor 5 Jahren noch den Schlaf einer ganzen Nacht geraubt hätte, lässt mich heute vielleicht kurz aufwachen und beschäftigt mich ein paar Minuten bis ich es wieder loslassen kann und zurück in erholsamen Schlaf finde.

Meine eigene Erfahrung und die Ergebnisse vieler Coaching-Klienten haben mich darin bestärkt, von tiefer Zuversicht erfüllt zu sein, dass wir alle viel mehr Entwicklungs- und VeränderungPotential haben, als wir uns zugestehen. Dass wir mehr Kraft entwickeln können, als wir glauben. Und dass wir wahrscheinlich niemals Perfektion erreichen können – die Idee der völligen Abwesenheit von Angst und Sorgen halte ich für eine Illusion, und zudem eine ungesunde Illusion – aber dass wir als ganze Menschen, mit all unserem Gefühls- und Gedanken-Wirrwar, ein reiches, erfülltes und sinnvolles Leben leben können.

Alles Liebe,

Niels Koschoreck

Sei Du Selbst. Nur besser.

P.S.: Erweiternde Perspektiven rund um das Thema „Ängste und Sorgen“ findest Du auch in meiner VideoPräsentation „Mehr Mut entwickeln“ an der Akademie der Befreiung!